Ein Kommentar zum NW-Artikel: „Frauenleiche in Tiefkühltruhe – Angeklagter Bielefelder bricht bei Geständnis in Tränen aus“
Im Prozess zum Fall Oliviera G. ist alles Erdenkliche geschehen, um den entscheidenden Punkt nicht zum öffentlichen Diskussionsgegenstand werden zu lassen. Staat und Medien tun alles, um die Tat nicht als das zu benennen, was sie ist. Wir bleiben dabei: Das war ein Femizid.
Wir haben bereits die damalige Berichterstattung der einschlägigen Medienhäuser kritisiert, da diese den Femizid im April als „Beziehungstat“ herunterspielten und den Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist, zur Privatsache zwischen zwei Partnern verklären wollten. Wir sehen diese Privatisierung von Femiziden und häuslicher Gewalt als Stützpfeiler patriarchaler Gewalt in unserer Gesellschaft. Jetzt hat der besagte Prozess gegen den Täter begonnen, in welchem dieser am zweiten Prozesstag (14.09.2026) ein Geständnis ablegte und ein neuer Artikel dazu ist in der NW (Neue Westfälische) erschienen, welchen wir nicht einfach so hinnehmen wollen.
Die NW betreibt in dem Artikel massive Täter-Opfer-Umkehr. Wie so häufig steht vor allem das psychische Leiden des Täters im Fokus und die vermeintlichen Umstände, welche den Täter alternativlos zu einer solchen Tat verleitet haben sollen. Darunter zählen wir Aussagen, wie:
„Ich hatte Todesangst. Ich wollte, dass sie aufhört, zu schreien. Also habe ich mich gewehrt und zugedrückt, bis sie sich nicht mehr bewegte.“
die der Autor mit den Worten „Diese Passage seiner Erklärung beschreibt die letzten Momente eines Kampfes, den der Angeklagte am Karfreitagmorgen mit seiner Freundin (28) ausgetragen haben will. Wie schon in der Anklage der Staatsanwaltschaft angenommen, hatte auch der Bielefelder von einer heftigen körperlichen Auseinandersetzung berichtet.“ begleitet und somit einen „Kampf“ mit zwei gleichermaßen beteiligten Akteuren unterstellt. Nur ist eine der beiden vermeintlichen Akteure einer „Auseinandersetzung“ jetzt tot. Ermordet.
„Allerdings stellte der Bielefelder die Getötete in seiner Version als die ursprüngliche Angreiferin dar. Sie soll aus Eifersucht und womöglich aufgrund von drogeninduzierter Wahnvorstellungen völlig ausgerastet sein Zunächst verbal und dann auch körperlich soll sie auf den 33-Jährigen losgegangen sein. Dabei habe sie ihn als Versager bezeichnet, was den Angeklagten sehr verletzt habe.“
Diese Übernahme der Aussagen des Täters wird ohne Kommentar einfach so stehen gelassen in dem Artikel. Keine Einordnung, kein kritisches Hinterfragen, gar nichts. Stattdessen beteiligt man sich damit daran die Ermordete als eigentliche Täterin zu inszenieren, indem man die Aussagen des Täters bzgl. ihres angeblichen Drogenkonsums, Eifersucht und körperlichen Angriffen schlicht und ergreifend übernimmt. Es wird bewusst ein Bild von einer wahnsinnigen Frau gezeichnet, welche der Angeklagte in Notwehr und in Angst um sein eigenes Leben getötet hat. Dieser Darstellung widersprechen wir aufs schärfste. Hier stehen vermeintliche Rechtfertigungen eines Femizids und stumpfes „victim-blaming“ unkommentiert in der Zeitung.
Dieser nur schwer zu ertragende Artikel geht leider inhaltlich nahtlos so weiter. Die Tatsache, dass die Ermordete einen Schädel-Basis-Bruch, eine vermutlich von einem Messer stammende Verletzung am Oberarm hatte, die Todesursache aber das Zuhalten der Atemwege und Würgen am Hals war, wird mit den Worten „Ich wollte, dass sie damit aufhört“ eingeleitet.
Die darauf folgenden Zitate: „Ich wollte sie nicht töten“ „Aber ich musste mich wehren. Ich weiß, dass ich das nicht mehr rückgängig machen kann.“ sind schon schlimm genug, werden aber durch den blanken Hohn des Autors mit den Worten „Wieder fließen Tränen. Es ist keine gespielte Trauer.“ kommentiert.
Hier wird eine permanente Verschiebung der Realität vorangetrieben. Doch, dass selbst die Staatsanwaltschaft Bielefeld, laut dem WDR (https://www1.wdr.de/nrw/bielefeld/leiche-gefriertruhe-anklage-100.html), nicht an die „Notwehr-Version“ glaubt, bleibt gänzlich unerwähnt, da es nicht ins Narrativ passt. Das ist kein Journalismus, das ist ein zutiefst politisch motivierter Artikel, welcher aktiv zur Aufrechterhaltung der patriarchalen Bedingungen für Femizide dient.
Das sind schon wirklich genug Einblicke um zu verstehen, wo die NW steht und was die Motivation für einen solchen Artikel ist. Allerdings wird es im weiteren Verlauf noch deutlich fataler. Nicht nur, dass der Leiter der Mordkommission in dem Fall das Gefühl hatte, „dass er sie wirklich lieb hatte“, sondern der Fakt, dass der Täter seine Freundin Sechs Wochen vor der Tat anzeigte und laut dem Polizeibericht schilderte, dass er sich zwar immer wieder gegen seine Freundin zur Wehr setzen konnte. Er hatte aber die Befürchtung, dass er sich eines Tages nicht mehr unter Kontrolle haben könnte und seine Freundin dann schwer verletzten könnte.
Zum Ende des Artikels, in welchem mehrfach auf den Konsum von Crack angedeutet wird, räumt der Autor ein, dass der angebliche gemeinsame Crackkonsum zur Tatzeit mehrere Wochen zurückgelegen haben soll, aber trotzdem ein „Sturmverstärker“ war, welcher zur „Katastrophe“ geführt haben soll. Eigentlich ist hiermit am Ende klar, wenn man dem Artikel blind glauben würde, dass der Täter eigentlich ein guter und netter Typ ist, welcher von seiner drogensüchtigen Freundin durch Gewalt an den Rand der Verzweiflung getrieben wurde und sich in Notwehr aus dieser Situation mit ihrer Ermordung befreit hat.
Das ist nichts für schwache Nerven. So weit, so schlecht. Schieben wir aber endlich den grauenhaften NW-Artikel bei Seite und ordnen diese Tat der Realität entsprechend ein.
Wir sprechen hierbei von einem Femizid. Femizide bezeichnen Tötungen von Frauen aufgrund dessen, dass sie Frauen sind. Wir sprechen bewusst nicht von „Beziehungstaten“, da diese die systemischen Ursachen von Femiziden leugnen und solche Taten nicht richtig einordnen. Somit erkennen sie die tatsächlichen Ursachen nicht.
Femizide sind keine Einzeltaten, sondern haben ihre Grundlage im Patriarchat. Patriarchale Gewalt bis hin zum Femizid dienen der Disziplinierung und Konditionierung von Frauen in unserer Gesellschaft und soll sie durch die dadurch entstehende Angst in Abhängigkeit von Männern halten.
Artikel wie der oben kommentierte dienen der Aufrechterhaltung des Patriarchats, indem sie die Opfer zu Tätern stilisieren und die Täter als Opfer inszenieren, wodurch ein Frauenbild gezeichnet wird, was Frauen auf verschiedenste Weisen abwertet und im Endeffekt die Ermordung als Notwehr legitimiert. Wenn potenzielle Täter das Gefühl haben eine solche Ermordung hat im Endeffekt keine gravierenden Konsequenzen birgt das eine sehr reale Gefahr für Frauen. Durch eine so verzerrte Berichterstattung entsteht bewusst das Narrativ, dass Männer sich zurecht gegen Frauen „wehren“ indem sie diese ermorden.
Es wird letztendlich lediglich von den Tränen und der Reue des Täters berichtet. Doch das bringt die Ermordete nicht wieder zum Leben. Ein Femizid bleibt. Eine solche Tat kann auch nicht durch Rumschreien oder angeblichen exzessiven Drogenkonsum, sondern generell durch gar nichts, gerechtfertigt werden.
Der Täter bringt es indirekt auf den Punkt: Frauen sollen mit einem Femizid zum Schweigen gebracht werden. Und auch eine derartig beschönigende Berichterstattung soll Frauen zum Schweigen bringen, indem sie bei sich selber die Schuld suchen, wenn sie Gewalt durch einen Mann erfahren. Deshalb gilt für uns: Wir bleiben laut und organisieren uns gegen patriarchale Gewalt, gegen Femizide!
